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poet 15

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poet nr. 15
Literaturmagazin
poetenladen, Leipzig Herbst 2013
ca. 232 Seiten, 9.80 Euro
ISBN 978-3-940691-47-7

 

Vom Schreiben jenseits wahrer oder vermeint­licher Zentren handeln die Gespräche in dieser poet-Aus­gabe. „Dort, wo die Welt an ihren Rän­dern ausfranst, entsteht Neues“, erklärte Joseph Brodsky.

Peripherie ist bei alledem nicht nur als Gegen­satz zur Metropole zu sehen, sondern auf vieles übertragbar: auf Genres, auf dichte­rische Iden­titä­ten und auf die Sprache.

Der 15. poet bietet zudem eine umfang­reiche Aus­wahl neuer Prosa und Gedichte. Die fun­dierten Lyrik­kommentare von Michael Braun und Mi­chael Bu­sel­meier be­schäf­tigen sich unter anderen mit Ge­dich­ten von Günter Grass, Oskar Loerke und Ann Cotten.

 

Editorial | poet nr. 15

Aachen, Bautzen, Siegen, Hausach, Ermland, Marginime – so heißen die Orte, die in dieser Ausgabe eine Rolle spielen. Sei es, dass Autoren dort leben, darüber schreiben oder hier wichtige Initiativen ergreifen. José F. A. Oliver beispiels­weise gründete den Hausacher Lese­Lenz im tiefsten Schwarz­wald und schaffte es, so die FAZ, die höchste Dichterdichte Mittel­europas herzu­stel­len. In und um Bautzen schrei­ben Autoren nicht nur deutsch, sondern sorbisch, eine rand­ständige Sprache, die vital und einmalig ist. Viel­leicht ist die Peripherie in Wahrheit viel­fältiger als das Zentrum?

Natürlich kann eine Zeitschrift diese Vielfalt nicht gebührend würdigen, sondern nur darauf verweisen. Tref­fend berichtet Jürgen Nendza, dass der Autor in der Rand­lage mehr auf sich selbst ver­wiesen sei und sich nicht an jedem Mainstream, jedem über­hitzten Diskurs beteiligen müsse.

Metropole oder Provinz – unsere Lyrik-Kommentatoren Michael Braun und Michel Buselmeier leben in Heidelberg. Der Untergang Heidelbergs fand – zumindest in literarischer Hinsicht – nicht statt. Wir können uns in dieser Ausgabe auf weitere zwölf Kommen­tare zu Gedichten der Gegenwart freuen.

 


Literatur und Peripherie

Ungeläufige Sprachfelder

Peripherie, kein Zweifel, ist ein schillernder Begriff. In der Geographie benennt er räumliche Disparitäten und steht im Gegensatz zum Zentrum. In der Mathematik ist die Peripherie der Umfang eines Kreises, was der griechischen Ursprungs­bedeu­tung – herumtragen, herum­drehen – sehr nahe kommt. Dass der Kreis erst dank dem Umriss zur Gestalt wird, zeigt zugleich die Unmöglichkeit, die Begriffe ohne einander zu denken. Das Thema entsprang gleichwohl keiner sprach­theoretischen Überlegung, sondern einem zufäl­ligen Dialog auf Facebook zwischen Autoren aus Berlin und Autoren abseits der Hauptstadt. Kann nur der, der in die metro­pole Dimension eintaucht und das be­schleunigte, fragmentierte Dasein aus eigener Erfahrung kennt, auf der Höhe der Zeit dichten?

Christoph Wenzel und Jürgen Nendza leben in Aachen. Sie schätzen das literarisch vitale Berlin, wollen aber die Distanz. Wichtig ist ihnen die Sprachverortung: So schöpft Christoph Wenzel aus einem Reservoir dialek­taler Besonderheiten der geo­graphischen Randlage und bekennt sich zu einem Sprechen vom Rand der Sprache her. Jürgen Nendza, ­dessen letzter Gedichtband vom Hohen Veen in der Eifel inspiriert ist, spricht über die Einbindung ungeläufiger und ver­gessener Sprach­felder. Auch Elke Erbs Essay handelt von einer randständigen Sprache in un­serem Land, dem Sorbischen, das als Sprache einer Minderheit lange unterdrückt wurde. Im 13. Jahrhundert bereits berichtete der Sachsenspiegel, dass Sorben, die vor Gericht schon einmal deutsch ge­sprochen haben, in späteren Fällen nicht mehr ihre Muttersprache gebrauchen dürfen.

Der Lyriker Crauss lebt und arbeitet in Siegen und fragt sich augenzwinkernd, was eigentlich die guten Seiten an dieser Stadt seien. Manches fällt ihm ein: Er berichtet von örtlichen Initiativen und von Autoren, die hier viel­leicht dauer­hafter Freund­schaft schlie­ßen als in der Metropole. Dabei ist für ihn die Über­regiona­lität von Buch­messen, Zeit­schriften und Internet­seiten unab­dingbar. Gewisser­maßen umge­kehrt verhält es sich bei José F.?A. Oliver, der einfach die große literarische Welt in die Provinz holt und den Hausacher LeseLenz ins Leben rief.

Bartoszyce, Ermland und Masuren sind die ursprünglichen Heimat­orte von Artur Becker, Orte, in denen auch seine Romane spielen. Erleb­nisse wie die Emigration werden aus dem zeitlichen und räum­lichen Abstand lite­rarisch gestaltbar. Jeder Ort, so Artur Becker, eignet sich für die Dichtung. Er skizziert das Bild eines mittelalterlichen Gauklers, der von Dorf zu Dorf zieht – tatsächlich reist er im ICE von Ort zu Ort. Ein Kosmopole, ja, ein Bewohner von »Kosmopolen«.
Mit Max Czollek, der zurzeit an einer Dissertation mit dem Titel Das antisemitische Dispositiv arbeitet, erreichen wir die Philosophie. Er geht um Celan und Heidegger und um die Sprache, in der sich die Geschichte spiegelt. Zwingend fällt hier der Name Victor Klemperer, der sich in seinem philo­logischen Notizbuch Lingua Tertii Imperii mit Begriffen be­schäftigt, die die National­sozialisten mit ihren ideologischen Vorstellungen besetzten. Allerdings könnte die deutsche Sprache, so eine These des Gesprächs, unbeschadet im Gepäck mancher Emigranten überlebt ha­ben, jenseits von der Vernutzung und nationalsozialistischen Zerstörung.

Hinter der Autorin Aléa Torik steckt der 47jährige Claus Heck, der mit verschiedenen Pseudonymen experi­mentierte. So wenig Beachtung er ursprünglich als Autor fand, so groß war der Erfolg unter der neuen Identität. Insbesondere der Weg aus Marginime – einem Dorf in Rumänien – ins Zentrum wird von ihm im Roman thema­tisiert. Er sieht in der Aufmerksamkeit einen wichtigen Aspekt für die eigene literarische Weiterentwicklung. Die große Zahl jener, die veröffentlichen wollen, stehe in keinem Verhältnis zur geringen Zahl jener, die gefördert werden. Hier scheint es eine besondere Peripherie zu geben, die Peripherie der Schreibenden, denen es nicht gelingt, ins Zentrum der allgemeinen Wahrnehmung vorzurücken.


 
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